Qing Richard vom Belauer See - ein blinder Spaniel wird zum "Hans im Glück"

Stevie mit seinem Herrchen, Foto: Stender
Stevie mit seinem Herrchen, Foto: Stender

Wer diese Website regelmäßig besucht, wird sich vielleicht an unseren kleinen Pechvogel aus dem Q-Wurf erinnern. „Pechvogel“ ist vielleicht ein wenig zu mild ausgedrückt, für das, was unserem „Qing Richard vom Belauer See“, der jetzt auf Stevie hört, widerfahren ist.

 

 

 

Stevie ereilte aus heiterem Himmel, noch bevor er die Augen geöffnet hatte, eine Augenentzündung. Er sah wie ein Frosch aus, so hatte sich eine Augenwulst über Nacht gebildet. Sofortige Behandlung bei meiner Tierärztin führte nach und nach zu einem Abklingen.

 

 

 

Nachdem wir die Entzündung auf der einen Seite im Griff hatten, entzündete sich plötzlich das andere Auge. Zusätzlich zur Behandlung bei meiner Ärztin holten wir in Absprache mit ihr noch die Meinung eines Spezialisten ein. Die Entzündungen wurden auf beiden Seiten besser, aber sie waren so schwer, dass sie massive Auswirkungen auf das Augenlicht hatten. Zunächst vermuteten wir, dass Stevie noch hell und dunkel unterscheiden kann. Im Laufe der Zeit wurde klar, dass er nichts mehr sieht.

 

 

 

Nie werde ich den Tag vergessen, als ich den schweren Weg angetreten bin, um mit dem Spezialisten zu diskutieren, was wohl die richtige Entscheidung ist: Lässt man den Rüden am Leben oder ist es besser, den knapp 8 Wochen alten Welpen einzuschläfern und erspart man ihm so viel Leid?

 

 

 

Im Welpenauslauf kam Stevie klar. Er fand den Weg nach draußen, er fraß sehr gerne und spielte auch mit seinen Geschwistern. Auffällig war nur, dass er sich ein wenig früher nach dem Fressen und nach dem Spiel von den anderen Welpen zurückzog, um zu schlafen. Ansonsten war er aber ein ganz normaler Welpe. Ein klein wenig ruhiger als die Geschwister.

 

 

 

Wie sollte die Entscheidung nun ausfallen? Hat er Schmerzen und werden diese eventuell sein Leben dauerhaft prägen?

 

 

 

Nach ausgiebiger Untersuchung meinte der Tierarzt, dass es eigentlich keinen Grund gibt, den kleinen Mann einzuschläfern. Bei guten Bedingungen wird er ein fast normales Hundeleben führen können, denn er kennt auch nichts anderes.

 

 

 

Wir hatten uns schon Gedanken gemacht, wie wohl ein Zuhause für ihn aussehen müsste, falls er doch am Leben bleiben kann. Unsere Ideen dazu wurden von dem Tierarzt unterstützt.

 

 

 

So fuhr ich fröhlich mit dem Welpen wieder nach Hause. Blieb nur die Sorge, wer ihm wohl ein Zuhause bieten wird?

 

Irmi mit dem kleinen Stevie am Strand, Foto: Stender
Irmi mit dem kleinen Stevie am Strand, Foto: Stender

Recht schnell glaubten wir, eine geniale Idee für das richtige Zuhause gefunden zu haben.  Nur konnten und wollten wir unsere Gedanken nicht öffentlich aussprechen. Zum damaligen Zeitpunkt hatten wir nämlich eine „Hunde-Nanny“ eingestellt, die täglich zu uns kam, um uns bei den Welpen zu unterstützen und auch die erwachsenen Hunde regelmäßig in den Garten zu lassen, wenn wir berufsbedingt unterwegs waren. Wir dachten, dass unsere „Hunde-Nanny“ Irmi und ihr Mann dem kleinen Springer das ideale Zuhause bieten könnten: Haus mit Garten und einem Cocker-Kumpel, der dem jungen Mann ein wenig Sicherheit und Orientierung bieten könnte. Beide sind hundeerfahrene Menschen und unternehmen mit ihren Hunden sehr viel. Neben langen Spaziergängen wird Dummyarbeit geübt und sogar im Hundesportverein Rally Obedience trainiert. Urlaubsreisen werden mit Hund unternommen und jährlich findet seit Jahren eine Fahrt mit anderen Hundefreunden nach St. Peter Ording in dasselbe Ferienhaus statt. Alles Faktoren, die ideal für einen Hund sind, der kein Augenlicht mehr hat und ein verlässliches Leben seiner Menschen braucht.

 

 

 

Als Irmi bei der Weihnachtsfeier unserer Dummygruppe mich ansprach und meinte, dass sie und Manfred später noch einmal mit mir sprechen müssten, machte sich schon leise Hoffnung breit, dass es vielleicht um den „kleinen Mann“ gehen sollte, denn Irmi murmelte etwas von einer Idee, die Manfred hätte.

 

 

 

Nun ja, wie so oft im Leben fügen sich die Dinge und so war es auch hier. „Qing Richard vom Belauer See“ zog bei Irmi, Manfred und Cocker Festus ein und aus Qing Richard wurde Stevie. Benannt nach dem großen Stevie Wonder! Könnte der kleine Mann einen passenderen Rufnamen haben?

 

Festus wurde schnell zum besten Kumpel! Foto: Stender
Festus wurde schnell zum besten Kumpel! Foto: Stender

Stevie wuchs zu einem völlig normalen jungen English Springer Spanielrüden heran. Inzwischen ist er 1 ¾ Jahre alt. Er tobt mit seinem Kumpel Festus durch den Garten, buddelt Löcher und benimmt sich ganz normal.

 

 

 

Freilauf klappt prima, so lange es sich entweder um ein Gelände handelt, was er kennt, wie die täglichen Spazierwege oder z. B. am Strand. Er orientiert sich hauptsächlich durch Geräusche. Im Haus und auf dem eigenen Grundstück kennt er sich natürlich aus.

 

 

 

Selbst in der Gruppe mit anderen Hunden merkt man nicht, dass ein blinder Hund dabei ist. Stevie orientiert sich sehr häufig an Festus. Bei unserem letzten Kenneltreffen fragten mehrere Teilnehmende, wer denn nun der blinde Hund wäre. Stevie war nicht sofort aufgefallen.

 

 

 

Wenn man Irmi und Manfred mit ihm beobachtet, gibt es eine Routine zwischen Hund und Besitzern. Hier und da ein kleiner, körperlicher Hinweis für Stevie, in welche Richtung es geht. Ein paar mehr verbale Kommandos als mit anderen, „normalen“ Hunden. Das läuft alles sehr ruhig und liebevoll ab.

 

 

 

Seit einigen Monaten trainiert Irmi mit Stevie „Zielobjektsuche“ (ZOS). Stevie lernt in einem „Trümmerfeld“ einen kleinen Gegenstand ausfindig zu machen und diesen anzuzeigen. Das klappt bestens und Stevie wird damit mental ausgelastet.

 

 

 

Wenn Corona es zulässt, werden die Vier demnächst gemeinsam mit dem neuen Wohnmobil auf Reisen gehen und die Welt erkunden. So hat Stevie ein ihm vertrautes Heim selbst auf Urlaubsreisen dabei.

 

 

 

Ein passenderes und schöneres Zuhause hätte es für den kleinen Stevie nicht geben können! Wir sind unendlich dankbar, dass sich alles so gut für den kleinen Mann gefügt hat.

 

 

 

Auf großer Fahrt im Frühjahr 2020, Foto: Stender
Auf großer Fahrt im Frühjahr 2020, Foto: Stender